1. Dezember 2023

Von 1966 bis 1969 war ich Schulsprecher am Dossenberger-Gymnasium in Günzburg. Meine eigentliche Aufgabe war die Vertretung der Interessen und Anliegen der Schülerinnen und Schüler gegenüber der Lehrerschaft, insbesondere gegenüber dem damaligen Oberstudiendirektor Schwärzler und die Kontaktpflege mit den Eltern. Das lief alles recht ordentlich und ohne größere Aufregung. 
 
Es war aber auch die Zeit der Großen Koalition von CDU/CSU und SPD. Alleinige Oppositionspartei im Deutschen Bundestag war die FDP. Die Verabschiedung der Notstandsgesetze war hochumstritten, gerade auch bei Schülern und Studenten. Die Außerparlamentarische Opposition (APO) begann sich zu formieren. Schulpolitik und Hochschulpolitik wurden massiv hinterfragt und dies in der gesamten Republik und damit auch in Bayern. 
 
Die politischen Parteien suchten verstärkt den Kontakt zur jungen Generation. Als Schulsprecher war ich da ebenso gefragt wie umworben. Ich habe mich damals bei den Jusos, den Jungdemokraten (Judos) und der Jungen Union (JU) umgesehen und mich dann dazu entschlossen, der JU beizutreten. Der Trend war ein anderer. Links war angesagt und wer zur JU gegangen ist musste sich eher rechtfertigen. Mir waren die Jusos zu radikal, zu planwirtschaftlich und zu wertfrei. Die Judos waren mir zu liberal und eigentlich auch zu links. Ich bin in einer sehr bodenständigen und werteorientierten Familie aufgewachsen. Der totale Bruch mit Vergangenheit und Tradition war ebenso wenig mein Ding wie die Verdammung all dessen, was im Nachkriegsdeutschland geschaffen wurde – an Wohlstand, an Sozialstaatlichkeit und an Rechtssicherheit. Mit den Prinzipien der Christlichen Soziallehre (Personalität, Solidarität, Subsidiarität) und der Sozialen Marktwirtschaft konnte ich mich gut identifizieren. Das hat mich zur JU und später zur CSU geführt. 
 
Bei der Bundestagswahl 1969 (Wahlbeteiligung 86,7 %) war die Union mit 46,1 % zwar wieder stärkste Partei geworden. Die SPD erzielte aber mit 42,7 % auch ein respektables Ergebnis. Noch in der Wahlnacht verabredete sich Willy Brandt mit Walter Scheel von der FDP, die 3,7 % verloren hatte, auf die Bildung der Sozial-Liberalen-Koalition. Plötzlich war die CDU nach 20 Jahren Regierungszeit in der Opposition. Das galt auch für die CSU, die mit 54,4 % in Bayern eigentlich ein ordentliches Ergebnis erzielt hatte.
 
JU Kreisverband Günzburg
 
Die CSU haderte mit ihrem Schicksal. Man dachte darüber nach, wo inhaltlich und personell Neuorientierungen Sinn machen. Das galt auch für den CSU-Kreisverband Günzburg und seine Arbeitsgemeinschaften. 1970 hatte die Junge Union im Kreisverband Günzburg ca. 100 Mitglieder. Zu der Mitgliederversammlung mit Neuwahlen im Frühjahr 1970 erschienen ca. 15 Mitglieder. Auf der Tagesordnung stand die Neuwahl des Kreisvorsitzenden. Nach einer längeren Diskussion zum Ergebnis der Bundestagswahl und zum aktuellen, nicht gerade erfreulichen Zustand der Kreis-JU wurde ich einstimmig zum Kreisvorsitzenden gewählt. In meinen ersten zwei Amtsjahren ist es gelungen zahlreiche Ortsverbände neu zu gründen, mit der JU des damaligen Kreisverbands Krumbach zu fusionieren und mit einer eigenen Liste zur Kreistagswahl 1972 anzutreten. Bei der CSU gab es heftige interne Auseinandersetzungen um die Kandidaten und deren Platzierungen. Die Parteioberen waren eher froh, dass die JU nicht auch noch berücksichtigt werden musste. Wir wollten uns ohnehin eigenständig positionieren, um der jungen Generation ein gezieltes Angebot zu machen und so zogen wir mit allerdings nur 20 Kandidaten in den Wahlkampf. Das Ergebnis konnte sich dann mehr als sehen lassen. Johannes Schropp, Gerd Deisenhofer und ich wurden in den Kreistag, welchem mit dem Landrat 61 Personen angehörten, gewählt. Die CSU erhielt 28 Mandate und so waren wir plötzlich das Zünglein an der Waage.
 
Die Kreistagsarbeit und die Arbeit der JUler in den Gemeinde- und Stadträten führte neben den gesellschaftlichen Veranstaltungen sowie vielen Reisen zu einem rasanten Aufschwung der JU im Landkreis. 1978 haben wir bei der Kreistagswahl das JU-Ergebnis auf sechs Kreisräte verdoppelt und bei meinem Abschied als JU-Kreisvorsitzender im Jahre 1979 hatten wir ca. 1.200 Mitglieder sowie in fast jeder Kommune einen Ortsverband. Das war eine enorme Gemeinschaftsleistung. Viele der damaligen Mitstreiter sind später Bürgermeister geworden. Einer – Gerd Müller – zog ebenso wie ich später in den Bundestag ein und wurde Minister.
 
JU Landesverband Bayern
 
1979 stand die Wahl des JU-Landesvorsitzenden in Neu-Ulm an. Ich war damals schon stellvertretender Landesvorsitzender und habe mit wenigen Stimmen Vorsprung (der Wahlgang dauerte mehrere Stunden) gewonnen. Insgesamt habe ich dieses Amt acht Jahre ausgefüllt, deutlich länger als sämtliche Vorgänger und fast alle Nachfolger. Die Junge Union Bayern hat in meiner Amtszeit größten Wert auf die inhaltliche Positionierung gelegt. Es gab keinen Parteitag und fast keine Sitzung des Parteivorstands, wo nicht über Anträge von uns diskutiert und gestritten wurde. Wir waren im Gespräch und hatten wohl auch eine gute Außenwirkung. Zum Ende meiner Amtszeit hatten wir über 55.000 Mitglieder und waren in den Kommunalparlamenten, in den Bezirkstagen, im Landtag und im Deutschen Bundestag so stark vertreten wie nie zuvor. 
 
Als Vertreter der jungen Generation haben wir Zukunftsthemen in den Vordergrund gestellt. Wir befassten uns schon mit Umweltpolitik, Klimaschutz und CO2-Vermeindung, als es die Grünen noch gar nicht gab oder sie noch eine kleine Partei waren. Wir sahen in der Entwicklungshilfepolitik eine Chance, um Fluchtursachen gar nicht aufkommen zu lassen. Ausländerpolitik war für uns ein wichtiges Thema und die Schaffung von Wohneigentum für breite Schichten des Volkes haben wir massiv in den Vordergrund gestellt. Wir haben vorgeschlagen die Beiträge zur Rentenversicherung auch an der Zahl der Kinder in den Familien auszurichten, um damit stärker zu verdeutlichen, dass deutlich berücksichtigt werden muss, wer künftig die Beiträge in die Rentenkasse bezahlt. Jugendreligionen waren ein Thema, mit dem sich außer uns keine politische Jugendorganisation ernsthaft beschäftigte.
 
Die Junge Union war die erste politische Organisation, die sich inhaltlich mit Gentechnologie und künstlicher Fortpflanzung beschäftigt hat. 1986 wurde ein detailliertes Thesen- und Grundsatzpapier dazu verabschiedet, das die CSU später größtenteils übernommen hat. In diesem Jahr haben wir auch ein neues Grundsatzprogramm mit dem Titel „Dem Menschen trauen – Verantwortung tragen“ erstellt, unter anderem mit der Forderung nach internationaler Abstimmung bei globalen Umweltproblemen und einer zukunftsorientierten, realistischen und humanen Asylpolitik.
 
Ständiges Thema war unser Bekenntnis zur Deutschen Einheit und zu einem vereinten Europa. Andere politische Jugendorganisationen haben damals ernsthaft die Zwei-Staaten-Theorie vertreten. Großdemonstrationen an der Zonengrenze waren am Tag der Deutschen Einheit fester Bestandteil unserer politischen Überzeugungsarbeit. Mit der Wiedervereinigung hat sich die Richtigkeit unserer Grundsätze und Überzeugungen bestätigt.
 
Die CSU-Ergebnisse bei den Erstwählern lagen in meiner Amtszeit sowohl bei den Landtags- als auch bei den Bundestagswahlen stets über 50 %. Andere Ergebnisse hätte der damalige Parteivorsitzende der CSU Franz Josef Strauß wohl auch nicht akzeptiert. FJS hat uns immer gefordert, nie gehätschelt, bisweilen streng ermahnt und oftmals anerkennend gelobt. Er hatte seine Freude mit uns und wir waren stolz auf ihn.